Förderjahr 2023 / Stipendien Call #18 / ProjektID: 6727 / Projekt: Gutes Wohnen in Smart Homes.
‚Smart' meint nicht dasselbe, wenn es über Menschen und über Maschinen gesagt wird
Im Alltag verwenden wir ‚smart' selbstverständlich für beides: Wir bewundern ein smartes Auftreten einer Person — klug, gewandt, situationsangemessen — und sprechen im nächsten Atemzug vom Smart Home. Dabei übersehen wir leicht, dass es sich dabei um zwei systematisch verschiedene Bedeutungen handelt, deren Verwechslung zu handfesten Missverständnissen führt.
Unter smartA — der alltagssprachlich-anthropologischen Bedeutung — verstehen wir eine Eigenschaft von Personen oder personalen Handlungen. ‚Smart' bedeutet hier klug, schlagfertig, intelligent im Sinne überlegten, situationsangemessenen Handelns. Die Etymologie des Begriffs spiegelt diesen Bedeutungsreichtum wider: vom altenglischen ‚smeart' (schmerzhaft) über ‚scharf' und ‚schlagfertig' bis hin zu ‚schlau' und ‚flott'.[1] Implizit ist immer eine Urteilskraft, eine Reflexion, ein Durchdenken der Situation gemeint. Wenn jemand smart agiert, hat er oder sie eine bewusste Entscheidung getroffen.
SmartT — die technische Bedeutung — ist demgegenüber erheblich enger gefasst. Laut der Definition des britischen Ministeriums für Industrie und Handel ist ein Haushalt dann smart, wenn er über ein internes Netzwerk, eine intelligente Steuerung und eine Hausautomation verfügt.[2] Was hier als ‚intelligent' bezeichnet wird, meint keine Urteilskraft, sondern algorithmisch realisierte Funktionssteuerung: Vernetzung, Automatisierung und Datenverarbeitung zur Prozessoptimierung. Nicht mehr Personen handeln smart — Systeme funktionieren smart.
Es handelt sich also um eine semantische Transformation: Der Begriff ‚smartA' wird auf technische Artefakte übertragen und dabei auf funktionale Aspekte verengt. Was bleibt, ist eine strukturelle Ähnlichkeit — in beiden Fällen geht es um Informationsverarbeitung —, aber in grundverschiedenen Kontexten. Während eine kluge Person ihr Vorgehen durchdacht hat, vollzieht ein smartes System algorithmisch vordefinierte Abläufe. Die ontologische Kategorie des Trägers wechselt: von Personen zu Artefakten.
Warum das mehr ist als eine terminologische Spitzfindigkeit
Diese Begriffsklärung ist nicht akademische Haarspalterei. Sie hat eine direkte methodische Konsequenz: Wer die Unterscheidung zwischen smartA und smartT nicht vornimmt, gleitet leicht in einen anthropomorphisierenden Deutungsrahmen. Systeme, die funktional operieren, erscheinen plötzlich als Gegenüber mit personalen Eigenschaften — als ob sie uns verstehen, mitfühlen, Absichten haben würden.
Besonders deutlich wird dies bei Sprachassistenten, die auch in Smart Homes zum Einsatz kommen. Sie imitieren kommunikative Formen personaler Verständigung und erzeugen dadurch Erwartungen, die technisch nicht eingelöst werden können.[3] Bei länger andauernder Nutzung — gerade bei älteren BewohnerInnen, für die Sprachsteuerung aufgrund körperlicher Einschränkungen mitunter unumgänglich wird — entsteht über die tägliche Kommunikation eine Illusion von Intersubjektivität. NutzerInnen berichten von Freundschaften oder gar Liebesbeziehungen, die sie mit ihrem Chatbot führen.[4]
Philosophisch lässt sich dies als Kategorienfehler rekonstruieren: Eigenschaften, die sinnvollerweise Personen zugeschrieben werden — Verstehen, Absichten, Empathie — werden auf Artefakte übertragen, weil deren Interaktionsoberfläche den Eindruck personaler Responsivität erzeugt. Und diese Fehlzuschreibungen bleiben nicht folgenlos. Sie beeinflussen Wahrnehmung, Selbstdeutung und die Art, wie BewohnerInnen ihre Handlungsspielräume gegenüber dem System verstehen.
Von ‚smart' zu ‚ambient': Wenn der Begriff zu eng wird
Je stärker sich smarte Technologien von einzelnen Geräten lösen und in vernetzte, kontextsensitive Infrastrukturen übergehen, desto weniger erfasst smartT das Phänomen angemessen. Bereits Anfang der 1990er Jahre führte M. Weiser den Begriff ‚ubiquitous computing' ein, um eine informatische Vision zu beschreiben, in der Rechenleistung nicht mehr an einzelne Computer gebunden ist, sondern in die alltägliche Umwelt eingebettet wird.[5] Der Begriff verweist — dem lateinischen ‚ubiquitas' (Allgegenwärtigkeit) entlehnt — auf die allgegenwärtige Präsenz von Technologie in unserer Umgebung.[6] Ubiquitäre Systeme agieren dabei quasi unsichtbar im Hintergrund: Rechnerische Prozesse treten in den Hintergrund und werden für NutzerInnen weitgehend unsichtbar, während ihre Wirkungen im Alltag präsent bleiben.
Ein einzelnes Gerät lässt sich noch sinnvoll als smart bezeichnen. Aber was ist mit einer Umgebung, die kontextsensitiv auf Personen, Situationen und Verhaltensmuster reagiert — ohne dass sich diese Intelligenz einem einzelnen Träger zuordnen lässt? Hier stoßen smartT und der damit verwandte Begriff smart environment an ihre Grenzen. Beide implizieren, dass eine Umgebung wie ein abgeschlossenes, steuerbares Gerät funktioniert. Tatsächlich handelt es sich aber um verteilte, dynamische Systeme, die nur im Zusammenspiel von Technik, Raum und NutzerInnen angemessen beschrieben werden können. Autoren wie J. Barlow, F. Aldrich oder B. Sovacool zeigen die Problematik auf, dass unter dem Begriff ‚smart' nicht mehr die notwendigen Differenzierungen innerhalb der Technik benannt werden können — und eine begriffliche Bedeutungsverschiebung hin zur ‚ambient intelligence' bereits im Gange ist.[7]
In der europäischen Forschung wird deshalb statt ‚ubiquitous computing' der Begriff ‚ambient intelligence' favorisiert.[6] Ambient assisted living (AAL) spezifiziert diese Entwicklung normativ weiter: Es geht nicht nur um kontextsensitive Umgebungen, sondern um solche, die explizit auf Unterstützung, Sicherheit und Selbständigkeit im Alltag ausgerichtet sind — besonders relevant für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. AAL lässt sich daher als eine normativ spezifizierte Subkategorie von ambient intelligence verstehen.
Im Alltag ist diese begriffliche Verschiebung noch nicht angekommen. Der Ausdruck ‚Smart Home' wird nach wie vor unreflektiert verwendet — während die Realität, die er beschreiben soll, längst über ihn hinausgewachsen ist. Das hat Konsequenzen: Wer weiter von smarten Geräten spricht, während er in einer ambient intelligence lebt, versteht nicht mehr vollständig, womit er es zu tun hat. Und das wiederum beeinflusst, wie wir Fragen nach Kontrolle, Autonomie und Selbstbestimmung im digitalisierten Wohnraum stellen — oder eben nicht stellen.
Literatur
[1] Pfeifer, Wolfgang, ‚smart', DWDS – Etymologisches Wörterbuch, https://www.dwds.de/wb/etymwb/smart (Zugriff am 02.06.2023).
[2] DTI Smart Homes Project Department of Trade and Industry, Smart Home – A definition, in: Housing Learning & Improvement Network (2003), 1–6, 2.
[3] Fuchs, Thomas, Der Schein des Anderen. Empathie und Virtualität, in: Breyer, T. (Hg.), Grenzen der Empathie. Philosophische, psychologische und anthropologische Perspektiven, München u.a. 2013, 261–281.
[4] Ellerich-Groppe, Niklas, Emotionale Bindungen zu Robotern – who cares?, in: TATuP, 30/2 (2021), 75–76; Gnewuch, Ulrich, u.a., Soziotechnische Gestaltung von Chatbots, in: Portmann, E./D'Onofrio, S. (Hg.), Cognitive Computing, Wiesbaden 2020, 169–189.
[5] Mainzer, Klaus, Die Berechnung der Welt. Von der Weltformel zu Big Data, Munich 2014, 169.
[6] Wiegerling, Klaus, Ubiquitous Computing, in: Grunwald, A./Hillerbrand, R. (Hg.), Handbuch Technikethik, Stuttgart ²2021, 419–424.
[7] Sovacool, Benjamin K./Furszyfer Del Rio, Dylan D., Smart home technologies in Europe. A critical review of concepts, benefits, risks and policies, in: Renewable and Sustainable Energy Reviews, 120 (2020), 1–20, 7; Barlow, James/Gann, David/Venables, Tim, Digital Futures. Making Homes Smarter, Coventry 1999, 12; Aldrich, Frances K., Smart Homes: Past, Present and Future, in: Harper, R. (Hg.), Inside the Smart Home, London 2003, 17–39, 34–35.
Theres-Antonia Bock
Derzeit konzentriere ich mich auf meine Dissertation im Bereich Digitalisierung des Wohnens.
Als Innenarchitektin durfte ich in den letzten Jahren miterleben, wie die Digitalisierung immer mehr in den Standard Wohnbau Einzug hält. Smart Buildings und Smart Homes ermöglichen eine effizienteres Facility-Management. Aus ökonomischer Perspektive macht es daher Sinn diese Technik voranzutreiben. Wie sieht es allerdings mit anderen Bereichen aus, die diese Technik ebenfalls beeinfluss? Mit dem Einzug der smarten Technologien in den Pflegebereich und damit in das assistive Wohnen stellen sich grundlegende ethische Fragen. Im Zuge meines Philosophiestudiums und späteren Forschung beschäftigte ich mich immer mehr mit dem Zusammenhang zwischen Technik- Mensch und dem Wohnen und stellte mir immer mehr die Frage, wie die Digitalisierung des Wohnens unser Verständnis vom Wohnen verändern wird.
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn wir in Zukunft mit unserem Wohnraum kommunizieren?
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn unser Wohnraum eine auf uns zugeschnittenes Wohnklima schafft?
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn uns unser Wohnraum vollautomatisch alle unsere Bedürfnisse stillt?
Wie würde uns das als Menschen verändern? Wären wir noch in der Lage selbst Entscheidungen zu treffen? Wären wir noch in der Lage selbst zu wissen, was uns gut tut? Wären wir noch in der Lage für uns Verantwortung zu übernehmen?