Förderjahr 2025 / Stipendium Call #20 / ProjektID: 7977 / Projekt: KI in der Beschaffung & Beschaffung von KI | AI in Procurement & Procurement of AI
Zu Jahresbeginn 2025 war die Verbindung zwischen Künstlicher Intelligenz und öffentlicher Beschaffung in der Fachliteratur noch eher dünn. Einzelne Pilotprojekte und politische Ankündigungen existierten zwar bereits, doch eine breitere, systematische Auseinandersetzung blieb zunächst aus. Das änderte sich deutlich: es häufen sich nunmehr (wissenschaftliche) Beiträge, (Policy-)Papiere, Studien und Debatten. Das Thema ist (mit sehr unterschiedlichen Deutungen) angekommen.
Dabei lohnt es sich, zwei Ebenen auseinanderzuhalten, die in der aktuellen Diskussion oft vermischt werden: Zum einen geht es um die digitale Transformation des Beschaffungswesens selbst, also den Einsatz von Technologien zur Unterstützung oder Automatisierung von Vergabeprozessen. Zum anderen die öffentliche Beschaffung von KI-Systemen für andere staatliche Zwecke. Beide Aspekte entwickeln sich dynamisch und bringen jeweils eigene Chancen und Risiken mit sich.
Ein viel zitiertes Beispiel lieferte Albanien. Im Jänner 2025 kündigte die Regierung die Einführung eines KI-Assistenten für die öffentliche Beschaffung an. „Diella“, integriert in die staatliche Plattform eAlbania, soll Ausschreibungen analysieren und schrittweise Entscheidungen vorbereiten oder treffen. Edi Rama erklärte laut Guardian, es sei das Ziel, öffentliche Vergaben vollständig frei von Korruption zu machen, indem menschliche Ermessensspielräume reduziert und durch algorithmische Bewertungen ersetzt werden. Gerade in einem Land, in dem öffentliche Aufträge lange als besonders korruptionsanfällig galten, wird KI hier als Hoffnungsträger dargestellt.
Ganz anders fällt der Ton zum Teil in der US-amerikanischen Literatur aus. In ihrem Artikel „Buying Blind: Corruption Risk and the Erosion of Oversight in Federal AI Procurement“ zeichnet die Rechtswissenschaftlerin Tillipman ein deutlich skeptischeres Bild. Ihre zentrale These ist dabei nicht, dass KI grundsätzlich ungeeignet für den öffentlichen Sektor wäre. Im Gegenteil: Sie erkennt an, dass KI-Effizienzgewinne bringen, Prozesse standardisieren und potenziell auch Korruptionsrisiken reduzieren kann.
Ihre Kritik setzt jedoch an der Art und Weise der Beschaffung an. Tillipman argumentiert, dass in den USA KI-Systeme zunehmend über beschleunigte, kommerzielle Beschaffungswege, oft ohne ausreichende Transparenz über Trainingsdaten, Funktionsweise oder Entscheidungslogiken einkauft werden. Governance werde dabei faktisch „in den Vertrag ausgelagert“, während klassische Kontrollmechanismen wie Audit-Rechte, Nachvollziehbarkeit oder unabhängige Überprüfung geschwächt würden. Besonders problematisch ist aus ihrer Sicht, dass diese Defizite bereits in der Beschaffungsphase strukturell verankert werden. Wer KI „blind“ einkauft, übernimmt langfristig auch deren Risiken: Automatisierungsbias, Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern, eingeschränkte Korrekturmöglichkeiten und eine schleichende Erosion menschlicher Aufsicht. Governance und Innovation seien dabei kein Gegensatz – vielmehr sei funktionierende Governance Voraussetzung für nachhaltige Innovation.
Während Albanien KI also explizit als Anti-Korruptionsinstrument positioniert, warnt etwa Tillipman davor, dass schlecht regulierte KI-Beschaffung selbst neue, schwer erkennbare Formen struktureller Korruption begünstigen kann. Zwei Kontexte, zwei Narrative, dieselbe Technologie. Dieses Spannungsfeld wird durch die rasante technische Entwicklung bis ins Extreme weiter zugespitzt. Ein brandaktuelles Beispiel ist OpenClaw, ein von einem Österreicher erschaffener Open-Source-KI-Agent, der nicht nur analysiert oder Texte generiert, sondern eigenständig Aufgaben ausführt („AI that actually does things“).
Parallel dazu laufen auch auf europäischer Ebene relevante Prozesse: Die Europäische Kommission hat kürzlich die öffentliche Konsultation zur Überarbeitung der EU-Vergaberichtlinien geschlossen. Außerdem gewinnen geopolitische Überlegungen zunehmend an Bedeutung, etwa im Zusammenhang mit digitaler Souveränität, Cloud-Infrastrukturen und der strategischen Abhängigkeit von außereuropäischen KI-Anbietern.
Was sich derzeit jedenfalls klar sagen lässt: KI in der öffentlichen Beschaffung ist kein Zukunftsthema mehr, sondern Gegenwart. Ob sie primär als Instrument für mehr Integrität oder als Katalysator neuer Risiken wirkt, hängt weniger von der Technologie selbst ab als von den institutionellen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Zahlreiche Fragen sind offen, und machen das Thema derzeit so spannend wie umstritten.
Johanna Göschlberger
Currently, I am seconded to the EU AI Office within the European Commission (DG CNECT). In Austria, I work as a Legal Policy Officer at the Public Procurement Directorate within the Ministry of Justice. In this role, I created the project “Digital Transformation of Public Procurement in Austria” from scratch, and I continue to lead it as the head of the project.
As part of my postgraduate degree program, the LL.M. in Information and Media Law (IT Law) at the University of Vienna (Postgraduate Center), I am currently writing my master’s thesis on “AI in Public Procurement & Public Procurement of AI.” To conduct this research, I have been selected as a Netidee scholar. Feel free to contact me for further information.
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The views shared on my profile and in my thesis reflect my personal opinions and do not represent the views or positions of my employer unless explicitly stated otherwise.
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