Förderjahr 2025 / Projekt Call #20 / ProjektID: 7716 / Projekt: OSMD Braille
Bevor in einem Konvertierungsprojekt eine einzige Zeile Code entsteht, muss man das Zielformat verstehen. Bei Music Braille heißt das: 428 Seiten Regelwerk durcharbeiten, Beispiele entschlüsseln und die richtigen Designentscheidungen treffen.
Warum OSMD Braille?
Mit OpenSheetMusicDisplay (OSMD) lassen sich MusicXML-Noten direkt im Webbrowser darstellen – heute gibt es kaum eine Weg an dieser Library vorbei, wenn man Notenanzeige im Web umsetzen möchte. Was bisher fehlt: eine Brücke zur Music Braille Schrift, also zur taktilen Notation für blinde und sehbehinderte Musikerinnen und Musiker. Genau hier setzt unser netidee-Projekt OSMD Braille an. Ziel ist eine TypeScript-Bibliothek, die MusicXML in Echtzeit nach Music Braille übersetzt – direkt im Browser, ohne Upload, ohne Zwischenkonvertierung.
428 Seiten Regelwerk
Music Braille ist kein simples Mapping von Notenkopf zu Punkt-Pattern. Der Music Braille Code 2015 der Braille Authority of North America umfasst 428 Seiten und beschreibt eine vollständige Schrift für Musik – mit eigenen Vorzeichen-Konventionen, Oktavmarkierungen, Intervallzeichen, Formatierungsregeln für Klaviermusik, Ensemblepartituren und Vokalmusik. Die ersten Wochen waren daher reine Studienarbeit: lesen, verstehen, Beispiele abgleichen, Symboltabellen anlegen.
Ein typisches Aha-Erlebnis: Notendauern werden in Braille nicht durch eigene Zeichen für „Viertel" oder „Achtel" unterschieden, sondern durch dieselben Punktmuster wie die Tonhöhen – mit zusätzlichen Punkten 3 und/oder 6, die zwischen vier Dauerngruppen umschalten. Eine punktierte Viertelnote ist also dieselbe Form wie ein Viertel, ergänzt um einen Augmentationspunkt. Das ist elegant, aber kontextabhängig – und der Kontext zieht sich durch das gesamte Regelwerk.
Die zentrale Designfrage: Facsimile oder Nonfacsimile?
Eine der wichtigsten Weichenstellungen am Projektbeginn betrifft den Detailgrad der Übersetzung. Der Standard erlaubt zwei Varianten:
- Facsimile bildet das visuelle Notenbild möglichst originalgetreu ab – mit Systemumbrüchen, Zeilennummern, allen Notationsdetails. Vollständig, aber für viele Leserinnen und Leser schlicht zu dicht.
- Nonfacsimile verzichtet auf rein visuelle Information und konzentriert sich auf die musikalische Substanz. Diese Variante ist deutlich zugänglicher und entspricht dem, was die meisten blinden Musikerinnen und Musiker tatsächlich lesen.
Unsere Entscheidung: Nonfacsimile als Standardausgabe, Facsimile als optionaler Modus. Damit decken wir beide Anwendungsfälle ab, ohne die Hauptzielgruppe mit unnötigem Detailrauschen zu belasten.
Regelwerk übersetzen – nicht in Code, sondern in Architektur
Parallel zum Studium des Standards entstand der architektonische Bauplan der Library. Im Kern kristallisierten sich neun Meilensteine heraus, die schrittweise von einer einstimmigen Melodie über Akkorde, mehrere Stimmen und Vortragszeichen bis hin zu zweisystemigen Klaviersätzen, Ensembles und Liedtexten führen. Die Symboltabellen für Notenwerte, Pausen, Vorzeichen, Schlüssel, Dynamik und Wiederholungen wurden direkt aus dem Regelwerk verifiziert – ein mühsamer, aber unverzichtbarer Schritt.
Besonderes Augenmerk lag auf der Oktavmarkierung. Im Music Braille muss vor einer Note nicht immer eine Oktavmarke stehen, sondern nur dann, wenn ein Sprung von mehr als einer Quinte vorliegt oder bestimmte strukturelle Ereignisse eintreten – Taktanfang nach In-Accord, Wechsel der Hand, nach Dynamikangaben. Diese Regelmechanik haben wir früh in eine eigene Komponente ausgelagert, die wir mit Tests gegen die Standardbeispiele abgesichert haben.
Was als Nächstes kommt
Mit dem fertig studierten Regelwerk und den vorbereiteten Symboltabellen ist die Grundlage gelegt. Im nächsten Schritt geht es an die eigentliche Konvertierung: Tonhöhen, Dauern, Taktstriche, Pausen – die Basis einer einstimmigen Melodie. Sobald diese Pipeline steht, lässt sich der Output gegen handtranskribierte Braille-Beispiele verifizieren, und die weiteren Notationselemente bauen darauf auf.
Wer den Fortschritt verfolgen möchte, findet uns auf opensheetmusicdisplay.org sowie auf GitHub. Im nächsten Blogbeitrag berichten wir über den Stand der Implementierung.