Förderjahr 2025 / Projekt Call #20 / ProjektID: 7716 / Projekt: OSMD Braille
Vor zwei Monaten haben wir hier über das Studium des Music Braille Standards berichtet. Seither ist viel passiert: Aus den Symboltabellen und Regeln ist eine funktionierende TypeScript-Bibliothek geworden.
Wo wir stehen
Die ursprüngliche Projektplanung sah eine Laufzeit bis Dezember 2026 vor. Der tatsächliche Fortschritt liegt deutlich darüber: Die Konvertierungs-Engine ist im Wesentlichen fertig, alle neun geplanten Meilensteine der Implementierung sind umgesetzt, über 300 automatisierte Tests laufen grün, und die Bibliothek wurde erfolgreich gegen Werke von Beethoven, Mozart, Clementi und Schubert getestet. Das bedeutet konkret: Die Arbeitspakete „Konvertierung MusicXML zu Music Braille", „Integration in den OSMD Audio Player", „WordPress-Plugin", „Upload-Website" und „Testen" lassen sich deutlich kompakter abwickeln als ursprünglich geplant. Wir gehen aktuell von einem Projektabschluss bereits Anfang Juli statt Mitte Dezember aus.
Konvertierung im Detail
Die Bibliothek deckt heute folgende Notationselemente vollständig ab:
- Tonhöhen, Notenwerte und Pausen mit korrekter Oktavmarkierung nach den Kontextregeln des Standards
- Vorzeichen, Tonarten- und Taktangaben, einschließlich Doppelkreuz und Doppel-B
- Akkorde und Intervalle mit schlüsselabhängiger Leserichtung – im Violinschlüssel von oben nach unten, im Bassschlüssel von unten nach oben
- Mehrstimmigkeit auf einem System (In-Accord) mit den vorgeschriebenen Trennzeichen und Oktavmarkierungs-Regeln
- Dynamik, Artikulation und Verzierungen in der korrekten Reihenfolge: erst Dynamik, dann Artikulation, dann Verzierung, dann Note
- Bindebögen, Haltebögen und Wiederholungen inklusive Klammerbögen für längere Phrasen sowie Volten
- Navigationszeichen wie Da Capo, Dal Segno, Segno, Coda, Fine
- Facsimile-Modus als alternativer, an die visuelle Notation angelehnter Ausgabemodus
Klaviermusik: Bar-over-Bar mit echter Ausrichtung
Für Klavierwerke implementieren wir das Bar-over-Bar-Format aus Kapitel 28 des Standards. Beide Hände werden so untereinander gesetzt, dass gleiche Takte vertikal aligniert sind. Wenn ein Takt in der einen Hand kürzer ist als in der anderen, füllen wir mit Leerstellen auf; ab einer Lücke von sechs Zellen kommen Führungspunkte zum Einsatz, die das Auge – beziehungsweise den Finger – entlang der Zeile leiten. Auch der seltene Fall, dass eine Zeile die festgelegte Zeilenbreite überschreitet, wird sauber behandelt: Der Umbruch erfolgt an einer Taktgrenze und die Fortsetzungszeile ist um zwei Zellen eingerückt.
Ensemble- und Vokalmusik
Für Orchesterpartituren bietet die Library einen Ensemblemodus mit Instrumentenkürzeln, einer einleitenden Instrumentenliste und kondensiertem Layout: Instrumente, die in einem Abschnitt nur Pausen haben, werden weggelassen. Bei transponierenden Instrumenten in unterschiedlichen Tonarten wird die Tonart nicht in die Überschrift, sondern direkt zum jeweiligen Instrumentenkürzel geschrieben – so, wie es das Regelwerk vorsieht.
Für Vokalmusik gibt es einen eigenen Modus mit Wort- und Musiklinie. Silben werden zusammengefügt, Bindestriche aus dem Notenbild verschwinden, und für Melismen setzen wir den vorgesehenen syllabischen Bogen. Mehrere Strophen werden korrekt behandelt: Die erste Strophe steht parallel zur Musik, weitere Strophen werden im Anschluss als fortlaufender Text mit eingeklammerter Strophennummer angehängt. Getestet haben wir das unter anderem mit der österreichischen Bundeshymne, „Land der Berge", die in unserem MusicXML-Korpus drei Strophen enthält.
Was als Nächstes kommt
Inhaltlich bleiben überschaubare Aufgaben: die Integration des Cursors in den OSMD Audio Player (Takt vorwärts/rückwärts, Hervorhebung), die Anbindung an unser OSMD WordPress Plugin, die öffentliche Upload-Website für MusicXML-Dateien sowie eine ausführliche Test- und Debug-Phase. Da die Kern-Engine bereits stabil läuft und durch reale Notenstücke gut abgedeckt ist, lassen sich diese Pakete jetzt zügig nacheinander abarbeiten.
Im nächsten Beitrag berichten wir über die Inbetriebnahme der Live-Demo-Website. Wer mitlesen möchte, findet die Entwicklung wie immer auf opensheetmusicdisplay.org und auf GitHub.