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Algorithmische Imaginationen
Bericht über einen Workshop in Erbil/Irak (19.03.2024)
Förderjahr 2022 / Stipendien Call #17 / ProjektID: 6194 / Projekt: Algorithmen, AI und widerständige Praktiken

"Imaginationen" sind produktiv, also ausschlaggebend dafür, wie wir Algorithmen wahrnehmen und nutzen. In diesem Beitrag beschreibe ich einen Workshop zur Erhebung dieser Imaginationen.

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich mich mit den verschiedenen Konzepten auseinandergesetzt, anhand derer sozialwissenschaftlich versucht wird, Algorithmen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen zu beschreiben. Heute will ich mich einem davon, den so genannten "Algorithm Imaginaries" oder "Algorithmischen Imaginationen" (Bucher, 2017) näher widmen und dessen praktische Relevanz anhand von den Ergebnissen eines Workshops zu diesem Thema beleuchten, den ich im September 2023 mit Studierenden an der Tishk University in Erbil/Irak abhalten konnte.

Algorithmische Imaginationen

Wie bereits erläutert werden mit „Imaginationen“ jene Vorstellungen bezeichnet, die Menschen in ihrer alltäglichen Erfahrung den Funktionsweisen von algorithmischen Anwendungen zuschreiben. Diese können streng rational sein, z. B. in dem ein Algorithmus als formaler Ablauf von Arbeitsschritten verstanden wird, aber auch affektive Momente beinhalten, wenn etwa einem Algorithmus die Schuld dafür gegeben wird, verstörende Inhalte im Internet zu sehen. Wie und mit welchen Vorstellungen wir Algorithmen begegnen ist dabei hochgradig kontextabhängig und basiert auf unseren bisherigen Erfahrungen, diskursiven Kategorien und Anwendungsgebieten von Algorithmen. Zentral ist dabei die Auffassung, dass algorithmische Imaginationen – obwohl oft nicht übereinstimmend mit den „tatsächlichen“ oder vorgesehenen Funktionsweisen einer Anwendung – trotzdem „produktiv“ sind. Das bedeutet, dass die jeweiligen Imaginationen einer algorithmischen Anwendung auch zu spezifischen Nutzungsformen führen und Handlungsmöglichkeiten (aber auch Handlungsrestriktionen, also Dinge die nicht getan werden dürfen) maßgeblich prägen.

Erhebung und Erforschung von Imaginationen

In Anlehnung an eine von (Siles et al., 2020) vorgeschlagene Methodik war es Ziel einer meiner Forschungsarbeiter, jene „Imaginationen“ von Personen untersuchen, die sie bei der Interaktion mit Social-Media Algorithmen in ihrer täglichen Praxis konstruieren und verwenden. Im Rahmen der Hochschulkooperation Rethink Education and Science im Irak (RESI) konnte ich dies Untersuchung im September 2023 an der Tishk International University im Nordirakischen Erbil durchführen.

Studierende mit unterschiedlichem disziplinärem Hintergrund wurden eingeladen, ihre Vorstellungen von Algorithmen zu teilen. Die komplexe und oft mehrdeutige Natur von algorithmischen Prozessen wurde dabei durch die Möglichkeit adressiert, Bedeutung, Auswirkungen und Konsequenzen gemeinsam zu verhandeln und somit ein geteiltes Verständnis zu entwickeln. Die Teilnehmer:innen trafen sich dazu in einem Raum und erhielten Stift und Papier. Gemeinsam wurde besprochen, was ein Algorithmus ist, wo diese Technologien im Alltag anzutreffen sind und welche Erfahrungen mit ihnen bisher gemacht wurden. Danach wurden sie gebeten, ihre Imaginationen von einem Social-Media Algorithmus visuell darzustellen.

Ergebnisse

Wie an den aus dem Workshop resultierenden und beispielhaft ausgewählten Zeichnungen ersichtlich repräsentieren die darin enthaltenen Imaginationen von Social-Media Algorithmen ein breites Spektrum an Assoziationen und Implikationen – von „organischen“ Darstellungen der Vernetzung über dystopisch anmutende Szenarien der algorithmischen „Ausbeutung“. Die konkreten Ergebnisse des Workshops werde ich in einem folgenden Blogbeitrag näher besprechen.

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Literatur

Bucher, T. (2017). The Algorithmic Imaginary: Exploring the Ordinary Affects of Facebook Algorithms. Information, Communication & Society, 20(1), 30–44.

Siles, I., Segura-Castillo, A., Solís, R. & Sancho, M. (2020). Folk Theories of Algorithmic Recommendations on Spotify: Enacting Data Assemblages in the Global South. Big Data & Society, 7(1), 205395172092337.

Thomas Zenkl

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Thomas Zenkl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Graz und interessiert sich für die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Technologien. In seinem Promotionsprojekt beschäftigt er sich mit der Frage, wie Algorithmen und KI-Anwendungen soziale Beziehungen über die ihnen innewohnende "algorithmischen Macht" beeinflussen sowie warum und auf welche Weise sich die Nutzer:innen solcher Systeme abweichend von den eigentlichen Intentionen der Systeme verhalten. Im Gegensatz zu einer technodeterministischen Perspektive zielt dieser Ansatz darauf ab, die Transformation menschlicher Handlungsfähigkeit (und nicht ihre Unterdrückung) in den Fokus der Betrachtung zu stellen und somit die konfliktträchtige gesellschaftliche Einbettung "sozialisierter Maschinen" zu beleuchten.
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