Frau mit Kamera
Ein Forschungsweg zwischen Technik, Wohnen und Mensch
Wie die Auseinandersetzung mit Smart Homes den Blick auf gutes Wohnen im Alter verändert (15.07.2026)
Förderjahr 2023 / Stipendien Call #18 / ProjektID: 6727 / Projekt: Gutes Wohnen in Smart Homes.

Vom Smart Home zur Frage nach dem guten Wohnen

Nach bisher elf geschriebenen Blogbeiträgen ist es an der Zeit, den Fortschritt meines Forschungsprojekts und zugleich meinen eigenen wissenschaftlichen Weg zu reflektieren. Rückblickend wird deutlich, dass viele Erkenntnisse, die jetzt selbstverständlich erscheinen mögen, zu Beginn keineswegs feststanden. Vielmehr haben sie sich Schritt für Schritt herausgebildet – durch intensives Lesen, das Verirren in interessanten, aber irrelevanten Forschungsfeldern, das Wiederfinden eines roten Fadens, durch Diskussionen, kritische Reflexion und nicht zuletzt durch das Annehmen und Einarbeiten konstruktiver Kritik.

Als ich zu Beginn meiner Dissertation begann, mich mit Smart Homes auseinanderzusetzen, stand zunächst die Technologie im Vordergrund. Mich beschäftigte die Frage, welche Möglichkeiten intelligente Wohnumgebungen bieten und welche ethischen Herausforderungen sich daraus ergeben. Bereits der erste Blogbeitrag zur Ambiente Intelligence machte deutlich, dass technische Innovationen niemals losgelöst von gesellschaftlichen Werten betrachtet werden dürfen. Damals ahnte ich allerdings noch nicht, wie weit mich diese erste Fragestellung von der Technik hin zum eigentlichen Kern meines Forschungsvorhabens führen würde.

Mit jeder weiteren geschriebenen Zeile verschob sich mein Blickwinkel ein Stück mehr. Die Auseinandersetzung mit der Multidimensionalität des Wohnens und dem Begriff des Wohnens selbst zeigte mir, dass Wohnen weit mehr bedeutet, als lediglich innerhalb von vier Wänden zu leben. Wohnen ist einerseits praktischer Lebensvollzug, in dem psycho-physische Bedürfnisse erfüllt werden. Andererseits beschreibt es ein sinnlich-leibliches Hineinspüren in die Beziehung zwischen Mensch und Raum sowie in deren Qualitäten: Aspekte wie Identität, Geborgenheit, soziale Beziehungen, Erinnerung, Privatsphäre und Wohnbildern. Erst durch diese Erkenntnis wurde mir bewusst, dass die Frage nach gutem Wohnen im Alter in Smart Homes nicht allein mit technischer Funktionalität beantwortet werden kann.

Neue Perspektiven durch das Wohnen im Alter

Aus dieser erweiterten Sichtweise ergaben sich neue Fragestellungen. Ein entscheidender Wendepunkt war für mich die intensive Beschäftigung mit dem Wohnen im Alter. Ursprünglich verstand ich Smart Homes vor allem als technische Unterstützung für ein längeres selbstständiges Leben. Je intensiver ich mich jedoch mit Gerontologie, Altersbildern und den unterschiedlichen Lebensrealitäten älterer Menschen auseinandersetzte, desto deutlicher wurde, wie vielfältig Altern tatsächlich ist. Es gibt nicht das Alter – und folglich auch nicht die technische Lösung.

Auch die Digitalisierung des Wohnens erhielt im Laufe meiner Dissertation eine neue Bedeutung. Anfangs erschien sie mir vor allem als technischer Transformationsprozess. Heute verstehe ich sie vielmehr als gesellschaftlichen Wandel, der unsere Vorstellungen von Privatheit, Selbstbestimmung, Geborgenheit und Teilhabe nachhaltig verändert. Smart Homes sind deshalb nicht einfach intelligente Wohnumgebungen – sie werden Teil unserer Lebenswelt und beeinflussen unseren Alltag in vielfältiger Weise. Dadurch rückte für mich immer stärker nicht die Technik selbst, sondern der Mensch mit seinen Bedürfnissen und seiner Lebenswelt in den Mittelpunkt.

Vom Suchen zum eigenen Forschungsmodell

Mit dieser inhaltlichen Entwicklung ging auch eine persönliche wissenschaftliche Entwicklung einher. Besonders prägend war für mich die Erkenntnis, dass Forschung selten geradlinig verläuft. Viele Zusammenhänge wurden mir erst beim Schreiben bewusst. Manche Fragen führten zu neuen Fragestellungen, andere Annahmen mussten hinterfragt oder vollständig verworfen werden. Nicht nur einmal musste ich meine Planung über den Haufen werfen und praktisch wieder von vorne beginnen.

Gerade diese Reset's erwies sich jedoch als wertvoll. Es erforderte Mut, bisherige Überlegungen loszulassen und neue Perspektiven einzunehmen. Heute weiß ich, dass genau in diesen Momenten oft die wichtigsten Erkenntnisse entstehen.

In meinem Fall kristallisierte sich daraus schließlich eine Ordnungsmatrix heraus, die das Phänomen Wohnen auf drei Ebenen – praktisch, atmosphärisch und ontologisch – sowie entlang von fünf Dimensionen – Ding bzw. Phänomen, Relation, Sinn und Bedeutung, Zeit sowie Normativität – beschreibt. Diese Wohnmatrix dient dazu, unterschiedliche Elemente des Wohnens systematisch einzuordnen und ihre Auswirkungen analysieren zu können. Dadurch wird sichtbar, wie die verschiedenen Dimensionen und Ebenen miteinander zusammenwirken und dass gelingendes Wohnen erst dann entsteht, wenn eine multidimensionale Wohnzufriedenheit erreicht wird.

Diese Wohnmatrix ist für mich nicht nur ein Ergebnis meiner bisherigen Forschungsarbeit, sondern zugleich Ausdruck meines eigenen wissenschaftlichen Entwicklungswegs. Sie wäre zu Beginn der Dissertation nicht denkbar gewesen. Erst die vielen Umwege, das wiederholte Hinterfragen eigener Annahmen und die kontinuierliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven haben sie möglich gemacht.

Genau darin liegt für mich die wichtigste Erkenntnis dieser bisherigen Forschungsreise: Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich nicht erzwingen. Sie entstehen langsam, wachsen mit jeder neuen Frage, verdichten sich im Laufe der Zeit und fügen sich schließlich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Rückblickend zeigt sich deshalb, dass nicht nur mein Verständnis von Smart Homes gewachsen ist, sondern vor allem mein Verständnis davon, was gutes Wohnen eigentlich bedeutet. Dieses Verständnis bildet den roten Faden – und zugleich den Ausgangspunkt für die nächsten Schritte meiner Forschungsreise.

Foto von Tiago Muraro auf Unsplash

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Wohnen im Alter Smart Home Forschung Philosophie Technikethik

Theres-Antonia Bock

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Mein Tätigkeitsfeld erstreckt sich von der klassischen Innenarchitektur bis hin zur Architekturphilosophie.
Derzeit konzentriere ich mich auf meine Dissertation im Bereich Digitalisierung des Wohnens.

Als Innenarchitektin durfte ich in den letzten Jahren miterleben, wie die Digitalisierung immer mehr in den Standard Wohnbau Einzug hält. Smart Buildings und Smart Homes ermöglichen eine effizienteres Facility-Management. Aus ökonomischer Perspektive macht es daher Sinn diese Technik voranzutreiben. Wie sieht es allerdings mit anderen Bereichen aus, die diese Technik ebenfalls beeinfluss? Mit dem Einzug der smarten Technologien in den Pflegebereich und damit in das assistive Wohnen stellen sich grundlegende ethische Fragen. Im Zuge meines Philosophiestudiums und späteren Forschung beschäftigte ich mich immer mehr mit dem Zusammenhang zwischen Technik- Mensch und dem Wohnen und stellte mir immer mehr die Frage, wie die Digitalisierung des Wohnens unser Verständnis vom Wohnen verändern wird.
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn wir in Zukunft mit unserem Wohnraum kommunizieren?
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn unser Wohnraum eine auf uns zugeschnittenes Wohnklima schafft?
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn uns unser Wohnraum vollautomatisch alle unsere Bedürfnisse stillt?
Wie würde uns das als Menschen verändern? Wären wir noch in der Lage selbst Entscheidungen zu treffen? Wären wir noch in der Lage selbst zu wissen, was uns gut tut? Wären wir noch in der Lage für uns Verantwortung zu übernehmen?
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