old women, sitting quietly by a large window in a softly lit living room , KI generated
Altern als Reifung
Was gutes Wohnen im Alter wirklich bedeutet (15.05.2026)
Förderjahr 2023 / Stipendien Call #18 / ProjektID: 6727 / Projekt: Gutes Wohnen in Smart Homes.

Weder Verfall noch ewige Jugend: Die Grenzen gängiger Altersmodelle

Wer über das Wohnen im Alter nachdenkt, muss zunächst fragen: Was ist Altern eigentlich? Die geläufigste Antwort – Altern als Abbau körperlicher und geistiger Fähigkeiten – ist das sogenannte Defizitmodell. Es dominiert nicht nur die Medizin, sondern auch weite Teile der Architektur und Pflege. Wohnräume werden barrierefrei gemacht, Stufen entfernt, Haltegriffe montiert. Das alles ist sinnvoll, aber es greift zu kurz: Altern wird auf das reduziert, was wegfällt.

Das Aktivitätsmodell reagiert auf diese Einseitigkeit – und übertreibt in die entgegengesetzte Richtung. Wer aktiv bleibt, jung bleibt, lautet die implizite Botschaft. Mobilität, Fitness, soziale Teilhabe – all das ist wertvoll. Doch das Modell normiert, was ein gutes Alter auszusehen hat, und lässt wenig Raum für Rückzug, Langsamkeit oder Kontemplation. Wer sich diesem Ideal nicht entspricht, fühlt sich schnell als Versager.

Eine dritte Strömung, die gerade im Kontext von Smart Homes an Bedeutung gewinnt, ist die technikoptimistische: Alterserscheinungen gelten als technisches Problem, das durch Assistenzsysteme, Sensortechnologien oder im äußersten Fall durch biomedizinische Eingriffe gelöst werden soll. Anti-Aging als Lebensphilosophie, der Körper als zu optimierendes System. Diese Position hat eine philosophische Konsequenz, die selten benannt wird: Sie bestreitet, dass der Alterungsprozess überhaupt einen Wert für die menschliche Existenz haben könnte.

Auch die großen philosophischen Traditionen tragen nur bedingt zur Klärung bei. Aristoteles und Platon[4, 9] denken Altern teleologisch: Das Leben ist auf ein Ziel ausgerichtet – Eudaimonia, Glückseligkeit, Weisheit –, und das Alter ist der Zeitpunkt, an dem sich zeigt, ob dieses Ziel erreicht wurde. Wer gut gelebt hat, altert gut. Das klingt einleuchtend, setzt aber voraus, dass es ein richtiges Ziel gibt und dass der Weg dorthin individuell steuerbar ist – eine Annahme, die sozialen Ungleichheiten, körperlichen Schicksalsschlägen und der schieren Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe nicht gerecht wird.

Existenzialistische Ansätze – etwa bei Kierkegaard oder Heidegger [7, 6]– rücken die Endlichkeit in den Mittelpunkt. Der nahende Tod zwingt zur Selbstreflexion, zur Bilanzierung, zur Frage nach dem, was wirklich zählt. Das ist ein wichtiger Impuls – aber diese Perspektive bleibt häufig auf die geistig-seelische Innenwelt beschränkt und verliert den körperlich-räumlichen Alltag des Wohnens aus dem Blick.

Reifung statt Ziel: Ein phänomenologischer Blickwechsel

Wie könnte ein Alternsbegriff aussehen, der all das vermeidet? Der weder auf Verfall reduziert noch auf Optimierung setzt, weder ein starres Ziel vorgibt noch die leiblich-atmosphärische Dimension des Alltags ausklammert? Der Philosoph Thomas Fuchs[5] bietet dafür einen überzeugenden Ausgangspunkt.

Fuchs versteht Altern nicht als Verfallen oder Vollenden, sondern als Reifung: einen offenen, mehrdimensionalen Prozess, in dem sich das Selbstverhältnis des Menschen unter den Bedingungen von Zeitlichkeit, Leiblichkeit und Endlichkeit verdichtet und transformiert. Reifung meint dabei kein Telos, keine Vollendungsform, keinen Idealzustand. Es geht nicht darum, am Ende des Lebens zu wissen, „wer man wirklich ist“ – so wie es Thomas Rentsch[3] mit seinem Konzept des „Werdens zu sich selbst“[2] formuliert, das trotz aller Phänomenologienähe ebenfalls eine Zielstruktur impliziert. Reifung ist vielmehr der Prozess selbst: das permanente Sich-Verhalten zu einem Geschehen, das sich nicht steuern, aber gestalten lässt.

Entscheidend ist dabei die körperliche Dimension. Altern ist kein abstraktes Phänomen – es vollzieht sich leiblich: in veränderter Mobilität, in einem anderen Zeiterleben, in verschobenen Welt- und Selbstbezügen. Das narrative Selbst, von dem Fuchs spricht, stabilisiert sich im Alter über die Rückschau auf die eigene Lebensgeschichte. Die Vergangenheit gewinnt an Gewicht, die Zukunft tritt zurück. Daraus entstehen neue Möglichkeiten des Sinnverstehens – keine Defizite, sondern andere Qualitäten.

Wichtig ist auch, was Simone de Beauvoir[1] und Martha Nussbaum[8] aus gesellschaftskritischer Perspektive beitragen: Reifung findet nicht im Vakuum statt. Sie ist eingebettet in soziale, ökonomische und institutionelle Strukturen, die Reifung ermöglichen oder verhindern. Wer arm ist, wer diskriminiert wird, wer keine Gemeinschaft hat, für den bleibt Reifung häufig ein Luxus. Die Reifungsthese ist daher keine individualistische Philosophie – sie verlangt nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Reifungsprozesse für alle möglich machen.

Wohnen als Medium der Reifung: Was das für Smart Homes bedeutet

Reifung vollzieht sich nicht abstrakt, sondern im Medium des Wohnens. Das ist die zentrale These dieser Forschungsarbeit. Wohnen ist nicht die Kulisse, vor der Altern stattfindet – es ist der Resonanzraum, in dem sich die Transformation von Körper-, Zeit- und Weltverhältnissen atmosphärisch verdichtet. Das Spüren von Geborgenheit oder Enge, von Vertrautheit oder Fremdheit, von Kontrolle oder Kontrollverlust – all das sind keine Nebeneffekte des Wohnens, sondern konstitutive Momente des Alterungsprozesses selbst.

Daraus folgt eine normative Pointe: Gutes Wohnen im Alter ist nicht primär daran zu messen, ob der Wohnraum barrierefrei ist oder ob alle Alltagsfunktionen erhalten bleiben. Es ist daran zu messen, inwiefern der Wohnraum Reifungsprozesse ermöglicht, trägt oder blockiert. Eine rein funktionale Defizitkompensation – etwa durch Smart-Home-Technologien, die jeden Widerstand wegoptimieren – kann den Prozesscharakter der Reifung unterbrechen. Widerstandsarme Umgebungen nehmen dem Wohnenden möglicherweise genau das, was Anlass für Reflexion, Umstellung und Neuverortung hätte sein können.

Das bedeutet nicht, dass Technik grundsätzlich problematisch ist. Es geht um ein sensibles Austarieren: zwischen Entlastung und Widerständigkeit, zwischen Einbettung und Freiraum, zwischen passivem Wirken-Lassen und aktivem Gestalten. Smart Homes, die dieses Gleichgewicht finden, sind solche, die nicht einfach Aufgaben übernehmen, sondern Spielräume eröffnen – in denen das Eigene gehalten werden kann, in denen das Selbst seine Geschichte erzählen und fortschreiben kann.

Die drei Phasen des Wohnens im Alter machen deutlich, wie konkret diese Anforderung ist. In der ersten Phase – dem jungen aktiven Alter ab etwa 60 Jahren – steht weniger die körperliche Einschränkung im Vordergrund als die soziale Neuverortung: der Übergang in den Ruhestand, veränderte Tagesstrukturen, die Frage, wer man jetzt ist, wenn Beruf und Rolle wegfallen. Die zweite Phase bringt zunehmende körperliche Verwundbarkeit mit sich – und damit das Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit, erhaltener Mobilität und sozialer Einbindung. Die dritte Phase schließlich – bei Betreuungs- und Pflegebedarf – stellt die Fragen von Selbstbestimmung, Privatsphäre und Würde mit aller Schärfe.

In allen drei Phasen ist gutes Wohnen dort gegeben, wo Räume entstehen, in denen das Selbstverhältnis unter Bedingungen von Zeitlichkeit und Endlichkeit möglich bleibt – und nicht dort, wo technische oder normative Vorgaben diesen Prozess verengen oder verstellen. Reifung als leiblich-atmosphärischer Leitbegriff bedeutet: Die Qualität einer Wohnumgebung im Alter bemisst sich nicht daran, wie viele Funktionen sie übernimmt, sondern daran, wie viel sie dem Wohnenden lässt.

 

 

Literatur

[1]    Beauvoir S. de. Das Alter. Essay [La vieillesse], 98. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt; 1993.

[2]    Rentsch T. Werden zu sich selbst: Das Altern und die Zeitlichkeit des guten Lebens. Zeitschrift für Praktische Philosophie. 2014; 1: 263–288.

[3]    Rentsch T., et al. Gutes Leben im Alter. Die philosophischen Grundlagen. Ditzingen: Reclam; 2015.

 

[4]    Aristoteles. Rhetorik. Ditzingen: Reclam; 2017.

[5]    Fuchs M. Was ist Altern? In: Fuchs M. Handbuch Alter und Altern. Anthropologie – Kultur – Ethik, 1. Auflage, Stuttgart: J.B. Metzler; Imprint: J.B. Metzler; 2021, 3–12.

[6]    Hügli A., et al. 7. Heideggers Todesanalyse (§§ 45–53). In: Rentsch T. Martin Heidegger - Sein und Zeit, 3. Auflage, Berlin, München, Boston: De Gruyter; 2015, 125–140.

[7]    Kierkegaard S. Entweder - Oder. Teil I und II. München: Deutscher Taschenbuch Verl.; 2005.

[8]    Nussbaum M. C. Creating Capabilities: Harvard University Press; 2011.

[9]    Platon H. G. Erstes Buch. In: Platon H. G. Der Staat / Politeia: De Gruyter; 2011, 8–101; 327a-354c.

 

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Theres-Antonia Bock

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Mein Tätigkeitsfeld erstreckt sich von der klassischen Innenarchitektur bis hin zur Architekturphilosophie.
Derzeit konzentriere ich mich auf meine Dissertation im Bereich Digitalisierung des Wohnens.

Als Innenarchitektin durfte ich in den letzten Jahren miterleben, wie die Digitalisierung immer mehr in den Standard Wohnbau Einzug hält. Smart Buildings und Smart Homes ermöglichen eine effizienteres Facility-Management. Aus ökonomischer Perspektive macht es daher Sinn diese Technik voranzutreiben. Wie sieht es allerdings mit anderen Bereichen aus, die diese Technik ebenfalls beeinfluss? Mit dem Einzug der smarten Technologien in den Pflegebereich und damit in das assistive Wohnen stellen sich grundlegende ethische Fragen. Im Zuge meines Philosophiestudiums und späteren Forschung beschäftigte ich mich immer mehr mit dem Zusammenhang zwischen Technik- Mensch und dem Wohnen und stellte mir immer mehr die Frage, wie die Digitalisierung des Wohnens unser Verständnis vom Wohnen verändern wird.
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn wir in Zukunft mit unserem Wohnraum kommunizieren?
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn unser Wohnraum eine auf uns zugeschnittenes Wohnklima schafft?
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn uns unser Wohnraum vollautomatisch alle unsere Bedürfnisse stillt?
Wie würde uns das als Menschen verändern? Wären wir noch in der Lage selbst Entscheidungen zu treffen? Wären wir noch in der Lage selbst zu wissen, was uns gut tut? Wären wir noch in der Lage für uns Verantwortung zu übernehmen?
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