Minimalist conceptual illustration, On the left, a single upright human silhouette stands alone inside a sharp-edged, closed geometric frame, symbolising autonomy as self-sufficiency. Toward the right, the frame gradually opens and dissolves, and the figure transforms into two or three interlinked silhouettes supporting each other, connected by fine warm lines. A faint grid of dots in the background suggests a smart home sensor network, enveloping the whole scene like a field.
Vom Autonomie-Paradigma zur Anerkennung der Verletzlichkeit
Was gutes Wohnen im Alter in Smart Homes bedeutet: eine Antwort (28.09.2026)
Förderjahr 2023 / Stipendien Call #18 / ProjektID: 6727 / Projekt: Gutes Wohnen in Smart Homes.

Die Antwort verschiebt die Frage

Am Anfang dieses Projekts stand ein Versprechen, das auch die Projektbeschreibung trägt: Smart Homes sollen älteren Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben ermöglichen. In den vergangenen Beiträgen habe ich Wohnen als multidimensionales Phänomen beschrieben, Altern als Reifung verstanden und die Technosphäre als aktiv mitgestaltenden Wohndimension gefasst. Ein Synthesekapitel führt diese Bausteine zusammen.

Die untersuchten AAL-Projekte messen die Güte eines Systems an Autonomie, flankiert von Sicherheit und Privatsphäre. Dieses Autonomie-Paradigma ist nicht falsch, aber unvollständig. Es setzt einen handlungsfähigen Nutzer voraus, den es in der Phase schwerer Pflegebedürftigkeit nicht mehr vorfindet. Es versagt also genau dort, wo die Frage nach gutem Wohnen am dringlichsten ist. Im Beitrag zur Digitalisierung des Wohnens hatte ich festgehalten, dass Unterstützung im Alter immer ein Maß an Fremdsteuerung mit sich bringt. Wie damit umzugehen ist, blieb offen.

Verletzlichkeit als Maßstab

Mit M. Fineman sowie C. Mackenzie, W. Rogers und S. Dodds [1, 2, 3] verstehe ich Vulnerabilität nicht als Defizit des Alters. Sie ist eine universelle Grundstruktur menschlicher Existenz, die im Alter nur sichtbarer wird. A. MacIntyre ergänzt, dass Abhängigkeit kein Mangel ist, sondern die Bedingung, unter der wir in Netzwerken des Gebens und Empfangens moralisch reifen. Autonomie bleibt relevant, vor allem in der aktiven ersten Phase. Sie wird aber einem vulnerabilitätsorientierten Rahmen nachgeordnet.

Um Technik, Raum und Mensch zusammenzuführen, habe ich eine Wohnmatrix entwickelt. Sie ordnet das Wohnen auf drei Ebenen: praktisch, atmosphärisch und ontologisch. Quer dazu verlaufen fünf Dimensionen: Ding/Phänomen, Relation, Sinn und Bedeutung, Zeit sowie Normativität. Gelingendes Wohnen entsteht erst dort, wo Ebenen und Dimensionen stimmig zusammenwirken.

In dieser Matrix wirkt Altern wie ein Vektor, der alle Ebenen gleichzeitig durchzieht. Die Technosphäre dagegen gleicht einem Feld, das diesen Prozess umschließt. Ein Beispiel: Mit zunehmender Gebrechlichkeit bleiben Räume ungenutzt und werden zu „musealen" Zimmern. Mit Norberg-Schulz' Stabilitas loci [4] lässt sich zeigen, dass Kontinuität nicht durch Konservieren entsteht, sondern durch Fortschreiben. Gutes Wohnen heißt dann, das Bedeutsame des aufgegebenen Raums in die weiterhin genutzten Räume hineinzunehmen. Das ist eine Leistung, die kein System berechnen kann.

Die Antwort auf die Forschungsfrage lautet daher: Gutes Wohnen im Alter in Smart Homes bedeutet, dass Assistenzsysteme die Kluft zwischen psycho-physischer Verfasstheit und gebauter Umwelt schließen, ohne Vulnerabilität und Abhängigkeit zu verdecken. Sie erhalten reziproke Netzwerke, biografische Kontinuität und eine reflektierte statt implizite Normativität.

Woran sich gute Assistenztechnik erkennen lässt

Damit diese Bestimmung nicht Theorie bleibt, muss sie sich an konkreten Systemen bewähren. Einen Schlüssel bietet die Unterscheidung dreier Formen von Verletzlichkeit nach Mackenzie, Rogers und Dodds.

  • Inhärent verletzlich ist jeder Mensch, weil er leiblich verfasst ist und erkranken oder stürzen kann.
  • Situativ verstärkt wird diese Verletzlichkeit durch Lebensumstände wie Alleinleben oder nachlassende Kräfte. Hier ist Technik legitim.
  • Pathogen ist dagegen jene Verletzlichkeit, die erst durch die schützende Maßnahme selbst entsteht. Das geschieht etwa, wenn ein System so viel übernimmt, dass Fähigkeiten verloren gehen, oder so umfassend beobachtet, dass die eigene Wohnung als Ort der Kontrolle erlebt wird. Hier verläuft die Grenze guter Assistenz.

Für die Bewertung eines Systems ergeben sich daraus folgende Leitfragen:

  • Vermittelt es Sicherheit, ohne ein Gefühl des Kontrolliert-Seins zu erzeugen?
  • Übernimmt es nur, was nicht mehr selbst geleistet werden kann?
  • Stärkt es soziale Beziehungen, statt sie zu ersetzen?
  • Behalten die Bewohnerinnen und Bewohner die Verfügung über ihre Daten?
  • Bleibt die Wohnung ein Ort eigener Gestaltung oder wird sie zur bewertenden Instanz?

Ihre Tragweite zeigt das Wiener Projekt WAALTeR. Einige Testhaushalte erhielten einen Sturzsensor und eine Präsenzerkennung: Bleibt länger jede Bewegung aus, nimmt eine Notrufzentrale Kontakt auf und alarmiert gegebenenfalls die Rettung. Trotz vorbildlichen Datenschutzes ließen sich keine signifikanten Effekte auf Sicherheitsempfinden oder Selbstbestimmtheit nachweisen. Ob die Sensoren als Rückversicherung oder als permanente Beobachtung erlebt wurden, wurde nicht untersucht. Auf diese Leerstelle richtet sich die vorliegende Arbeit. Offen bleibt, dass die Matrix heuristisch und nicht empirisch validiert ist.

Literatur

[1] Fineman, M. A., The Vulnerable Subject, in: Yale Journal of Law & Feminism 20/1 (2008), 1–23. [2] Mackenzie, C./Rogers, W./Dodds, S. (Hg.), Vulnerability, Oxford 2014. [3] MacIntyre, A., Dependent Rational Animals, London 1999. [4] Norberg-Schulz, C., Genius Loci. Landschaft, Lebensraum, Baukunst, Stuttgart 1982.

Titelbild: KI generiert

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vulnerability Smart Home Wohnen im Alter Autonomie multidimensionales Wohnen AAL assisted living

Theres-Antonia Bock

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Mein Tätigkeitsfeld erstreckt sich von der klassischen Innenarchitektur bis hin zur Architekturphilosophie.
Derzeit konzentriere ich mich auf meine Dissertation im Bereich Digitalisierung des Wohnens.

Als Innenarchitektin durfte ich in den letzten Jahren miterleben, wie die Digitalisierung immer mehr in den Standard Wohnbau Einzug hält. Smart Buildings und Smart Homes ermöglichen eine effizienteres Facility-Management. Aus ökonomischer Perspektive macht es daher Sinn diese Technik voranzutreiben. Wie sieht es allerdings mit anderen Bereichen aus, die diese Technik ebenfalls beeinfluss? Mit dem Einzug der smarten Technologien in den Pflegebereich und damit in das assistive Wohnen stellen sich grundlegende ethische Fragen. Im Zuge meines Philosophiestudiums und späteren Forschung beschäftigte ich mich immer mehr mit dem Zusammenhang zwischen Technik- Mensch und dem Wohnen und stellte mir immer mehr die Frage, wie die Digitalisierung des Wohnens unser Verständnis vom Wohnen verändern wird.
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn wir in Zukunft mit unserem Wohnraum kommunizieren?
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn unser Wohnraum eine auf uns zugeschnittenes Wohnklima schafft?
Wird es ein gutes Wohnen bzw. Leben sein, wenn uns unser Wohnraum vollautomatisch alle unsere Bedürfnisse stillt?
Wie würde uns das als Menschen verändern? Wären wir noch in der Lage selbst Entscheidungen zu treffen? Wären wir noch in der Lage selbst zu wissen, was uns gut tut? Wären wir noch in der Lage für uns Verantwortung zu übernehmen?
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