Neues Spiel, Neues Glück - Teil 1
Spieltheorie, Gamifizierung, und Spiel-basierte Lernen in Energiegemeinschaften sollen helfen, ein komplexes System wie ein kleines Stromnetz effektiv zu verwalten. Im ersten Teil geht es darum wie sich das Neue Spiel vom alten unterscheidet. (30.06.2021)
Förderjahr 2020 / Project Call #15 / ProjektID: 5102 / Projekt: 7 Energy

Seit 2008 arbeitete ich mit Experten und Energiemarktakteuren an den Themen Smart Grid [quelle] und Marktplätze für dezentrale Energie  [quelle]. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass die Energiewende, die wir uns wünschen nur durch Prosumenten und bewussten Verbrauchern - ja eigentlich aktiven (Welt-)Bürgern stattfinden kann. Denn nur durch unsere aktive Teilnahme wird auch die Politik und Wissenschaft sich zugunsten unserer Bedürfnisse, und nicht nur zu Gunsten der Anteilseigner großer Energiekonzerne [quelle] verändern.

 

Das Bild oben stammt aus einem “Comicbuch”, das Daten und Fakten des Hyperkapitalismus für die Massen zugänglich beschreibt [quelle]. Geschrieben von Tim Kasser, einem Psychologen, der über 120 Veröffentlichungen zu Themen wie Werte, Ziele, Wohlbefinden, Nachhaltigkeit gemacht hat [quelle]. Ich finde die Darstellung vielsagend. Auch wenn wir als Bürger über die Jarhhunderte weniger aktiv geworden und auch weniger wahrgenommen werden, steigt wohl unsere Macht als Verbraucher.

Welche Energieart in der Stromerzeugung umgewandelt wird, zeit- und ortsgenau, und ebenso wo dieser Strom verbraucht wird, ist nun nach über 13 Jahren Forschung und Entwicklung technologisch nachweisbar. Als Stromverbraucher - wir zu Hause, mit den Transportmitteln, die wir für den Weg zur Arbeit wählen, als auch in den Arbeitsstätten, die wir gewählt haben, haben wir nun also eine große Macht und auch Verantwortung:  nachzufragen. Das heißt, nicht nur durch Wahlen und Demonstration [quelle] können wir etwas bewegen, sondern auch nach den einfachen Spielregeln des Marktkapitalismus: Steigt die Nachfrage, steigt das Angebot. Und vergesst nicht, dass bei all dem, Datenschutz unser Recht ist, den Anbieter selbstverständlich gewährleisten müssen.

 

Es gibt nun allerdings auch das Neue Spiel: Energiegemeinschaften.

 

Menschen die räumlich (auch Stromnetz-technisch, siehe Blog-Beitrag) nah beieinander wohnen und Wert schöpfen, können sich zu Energiegemeinschaften zusammenschließen. In Energiegemeinschaften wird Strom und Wärme in Dezentralen Energieerzeugungsanlagen selbst erzeugt und lokal, gemeinschaftlich, verbraucht. Die Energiegemeinschaft, die am besten mit den verfügbaren Ressourcen haushält, “gewinnt” - und leistet zudem einen Beitrag zum Klimaschutz. Denn mit jeder Energiegemeinschaft, wird auch effektiv CO2 reduziert - und nach aktuellen Umfragen, steigt die Nachfrage hier aktiv zu werden auch [quelle].

Zugegeben die neuen Spielregeln werden etwas komplexer sein, denn letztlich sind Energiegemeinschaften ein Abbild des Energiemarktes und -netzes im Kleinen. So lange wir keine Komplett-Automatisierung durch elektrische Geräte und künstliche Intelligenz haben, brauchen wir die menschliche Intelligenz, Teilhabe, und aktive Teilnahme, insbesondere auch durch Anpassung unseres Verhaltens. Bislang mussten wir nur wissen, dass der Strom aus der Steckdose kommt. Das wird im Grunde auch so bleiben. Jedoch deuten mehr Erkenntnisse darauf hin, zu denen ich auch meine aus dem vergangenen Jahrzehnt zählen kann: “Für die Energiewende ist das menschliche Verhalten bedeutend” [quelle]. Bei der Wirtschaftlichkeit von Energiegemeinschaften geht es ganz konkret darum, den lokal erzeugten sauberen Strom möglichst lokal zu verbrauchen. Das nennt sich Eigenverbrauch - und in diesem neuen Spiel geht es darum, diesen in der Gemeinschaft zu optimieren.

Ein Gesellschaftspiel also?

Eigenverbrauchsoptimierung bedeutet, mit dem vorhandenen sauberen Solarstrom gut auszukommen. Dazu haben wir drei Möglichkeiten: (1) so gut es geht den Überschuss zwischen zu speichern, (2) den Verbrauch zeitlich zu verlagern, oder (3) ganz zu verzichten - d.h. Energieeinsparen. Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge können als zusätzliche, teils mobile, Zwischenspeicher dienen. In Gewerbegebieten und kommerziell genutzten Gebäuden können Anzahl und Kapazität von möglichen Zwischenspeichern noch viel höher sein. Fest installierte Batterien können entsprechend dimensioniert werden. Energieeffizienz- und Einsparungsmaßnahmen lohnen sich gerade für Betriebe dann doppelt: nicht nur dienlich der Energiegemeinschaft, sondern auch deutliche Kostenreduktion für den Betrieb. Zeitliche Verlagerung des Stromverbrauchs ist die Komponente, die am meisten unsere aktive Teilnahme benötigen wird - aber auch am effektivsten ist [quelle, S.37]. Im Teil 2 dieses Artikels werden wir genauer auf die unterschiedlichen Verbrauchsprofile und Optimierungspotentiale in Energiegemeinschaften eingehen.

Zeitliche Verfügbarkeit von Informationen spielen bei der Eigenverbrauchsoptimierung dabei eine große Rolle. Gerade über die zielführende Bereitstellung von verbrauchssteuernden Informationen wurde bislang noch recht wenig geforscht. Im Gegenteil, im Nachbarland Deutschland kann man sehen, wie Digitalisierungspotentiale ungenutzt bleiben. Achtung der Privatsphäre und Datenschutz können und müssen die Grundlage jedweder Informationsbereitstellung und -verarbeitung sein - das ist mittlerweile ein Grundsatz. Keine Digitalisierung, keine Informationsverarbeitung ist keine Alternative. Denn nur mit nutzbaren Informationen können wir unser Verbrauchsverhalten anpassen.

Wie wir diese Informationsbereitstellung gestalten, davon hängt also zum großen Teil, die Akzeptanz als auch die Wirtschaftlichkeit einer Energiegemeinschaft ab. Deshalb erarbeiten und untersuchen wir im Rahmen der netidee-Förderung auch ein Konzept zur Gamifizierung und spiele-basiertes Lernen innerhalb von Energiegemeinschaften. Dabei ist das Bedürfnis zum Umlernen durchaus schon erkannt worden: “ein großes Bedürfnis der Bürgerstiftung „Energiewende Oberland“, die Bürger/Innen im Rahmen von Bildungsprogrammen auf diese Veränderungen vorzubereiten und an der Planung bzw. Umsetzung von Maßnahmen von Beginn an zu beteiligen.” [quelle]. Müssen wir jetzt alle nochmal die Schulbank drücken? Abendkurse vielleicht? “Gamifizierung umweltfreundlicher Lebensweisen in der Erwachsenenbildung” [quelle] hört sich schon besser an. “Spielend zum Klimaschutz und zur lokalen Energiewende” [quelle] und weitere Planspiele für Erwachsene [quelle] als auch Jugendliche und Kinder [quelle] zeigen den Trend auf - allerdings wieder in einer zu weit entfernten Flughöhe, finden wir.

In einer Energiegemeinschaft können wir aktiv, gemeinsam, lernen. In den “11 Prinzipien einer erfolgreichen Energiewende” [quelle] verbergen sich die Ziele eines Umlernens, das wir auch auf der 7energy Plattform unterstützen möchten: “...Komplexität zulassen, Flexibilität als Mittel der Freiheit in der Gemeinschaft, Resilienz durch verteilte Verantwortung, Autonomie in der Gestaltung, und Bewusstseinsbildung…” Im Teil 3 dieser Reihe werden wir darauf eingehen, wie wir “spielerisch” Optimierungspotentiale und entsprechende Verhaltensänderungen erlernen, Interessenskonflikte (Spieltheorie, [quelle]) innerhalb einer Energiegemeinschaft und mit der Anbindung an das bestehende System erkennen und durch optimale Koordination, automatisiert und/oder durch unsere Verhaltensanpassung, überwinden lernen. Im Weiteren Verlauf des Projekts wird es dann darum gehen, ein entsprechendes Konzept umzusetzen und mit den ersten 7energy Pionieren zu testen.

So gilt es auch in einer Energiegemeinschaft: “Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen”. Bleibt dran, indem ihr euch fürs Newsletter anmeldet, oder gleich mit Mitstreiter finden

Tags:

Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft Gamification

Sebnem Rusitschka

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Skills:

Computer Science, Distributed Systems, Complex Adaptive Systems,
,
Token Engineering, Incentive Mechanism Design, Game-based Learning
,
Smart Grid, Smart Microgrids, Energy Access
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